Einführung Chartanalyse

Eine Chartanalyse ist eine Vielzahl einzelner Techniken, die eine Vorhersage zukünftiger Börsenkurse anhand historischer Kursentwicklungen (z.B. Trends) anstreben. Diese heute auf einigen Märkten vorherrschende Art der praktischen Finanzanalyse stellt sich primär die Aufgabe, geeignete Zeitpunkte zum An- und Verkauf von Finanzwerten zu identifizieren. Zur Unterstützung der Prognosen werden verschiedene Indikatoren herangezogen.

Im Gegensatz zur Fundamentalanalyse bleiben Kennzahlen aus der klassischen Makroökonomie, Branchenanalysen oder der Betriebswirtschaft unberücksichtigt. Vielmehr nimmt man an, dass sämtliche entscheidungsrelevanten Informationen über Vergangenheit und Zukunft bereits in der sichtbaren Kursentwicklung – dem Chart – enthalten sind.

Die Chartanalyse wird häufig mit der Technischen Analyse gleichgesetzt, die jedoch zusätzliche Verfahren der Markttechnischen Analyse beinhalten kann und damit über die reine Untersuchung von Kursverläufen hinausgeht.

Zielsetzungen:
Allen charttechnischen Analysemodellen ist die Annahme gemeinsam, dass es wiederkehrende, beobachtbare Ereignisse mit jeweils ähnlichen, wahrscheinlichen Zukunftsverläufen gibt. So können – je nachdem, welcher Disziplin ein Chart-Analytiker folgt – bestimmte geometrische Muster oder rein statistische, quantitative Indikatoren als „Richtungsanzeiger“ verwendet werden.

Ziel ist die Abgabe von Kaufs- und Verkaufsempfehlungen für das analysierte Wertpapier. Dies ergibt sich aus der Schätzung von zukünftigen Charakteristika von Wertpapieren, der Identifikation von fehlbewerteten Titeln. Versucht wird, den Markt zu übertreffen (beat the market); dies ist dann der Fall, wenn der Händler eine höhere Rendite als ein zugrunde gelegter Index verdient.

Analyse und Taktik – Definition eines Trends:
Für eine Chartanalyse muss zunächst ermittelt werden, welchem Trend das Wertpapier momentan folgt, hier existieren grundsätzlich drei Möglichkeiten:

1. Von einem reinen Aufwärtstrend spricht man, falls in einer Gruppe von Kursbalken jedes Hoch eines folgenden Kursbalkens höher ist als das jeweilige Hoch des vorhergehenden Kursbalkens UND jedes Tief eines folgenden Kursbalkens höher ist als das jeweilige Tief des vorhergehenden Kursbalkens. Der Trend gilt als intakt, solange ein relatives Tief nicht durch ein neues Tief des nachfolgenden Kursbalkens nach unten durchbrochen ist. In diesem Fall besteht das Risiko, dass sich der Trend ändern könnte.
2. Bei einem Seitwärtstrend schwankt der Kurs zwischen einem Hoch und einem Tief einer Gruppe von Kursbalken. Sollte der aktuelle Kurs über oder unter dieser Bandbreite gelangen, ist mit einem Trendwechsel zu rechnen.
3. Von einem reinen Abwärtstrend spricht man, falls in einer Gruppe von Kursbalken jedes Hoch eines folgenden Kursbalkens tiefer ist als das jeweilige Hoch des vorhergehenden Kursbalkens UND jedes Tief eines folgenden Kursbalkens tiefer ist als das jeweilige Tief des vorhergehenden Kursbalkens.

Der Trend wird durch das überschreiten eines vorherigen Hochs gebrochen.
Bei der längerfristigen Chartanalyse gibt es zur Ermittlung eines Trends dabei zwei Möglichkeiten:

1. Die Kursbalken werden so eingestellt, dass z.B. die komplette Bewegung einer Woche in einem einzigen Balken (also Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss) dargestellt werden.
2. Statt den Kursbalken werden einfach die Schlusskurse der jeweiligen Tage abgebildet. Damit werden starke Tagesschwankungen aus der Chartbetrachtung herausgefiltert.

Trendlinien und Trendkanäle:
Um Trends zu ermitteln werden Trendlinien an lokale Extrema eines Chart eingezeichnet. Es gibt Aufwärts-Trendlinien und Abwärts-Trendlinien. Eine Aufwärts-Trendlinie wird an mindestens zwei nicht zu eng benachbarte lokale Minima eines Aufwärtstrends gezeichnet. Eine Abwärts-Trendlinie wird an mindestens zwei nicht zu eng benachbarte lokale Maxima eines Abwärtstrends gezeichnet.

Trendkanäle erhält man falls man jeweils zwei möglichst parallel geführte Linien in unterschiedlichen Abständen zueinander im Chart einzeichnet. Ein enger Trendkanal umfasst kurzfristige Kurschwankungen, ein breiter Trendkanal umfasst längere Kurszyklen. Verdeutlichung: Man stelle sich vor man schiebe nacheinander durchsichtige Schläuche mit Durchmessern von 1, 2, 4 und 8 Einheiten über die Chartkurve, zuerst die dünnen Schläuche, dann die dickeren. Dann kann man sich Trendkanäle leichter vorstellen. Die dicken Schläuche ergeben die längerfristigen Trendkanäle.

Ist ein Trend ermittelt und ein Handel mit dem Wertpapier gewünscht, muss als nächstes der optimale Einstiegspunkt sowie der maximal hinnehmbare Verlust (Stop-Loss) ermittelt werden, damit bei festgelegtem Risiko möglichst ein Gewinn erzielt wird. Dies kann anhand einer oberen und einer unteren Grenze eines möglichst längerfristigen Trendkanals erfolgen. Ein Stop-Loss von max. 10% pro Position bei insgesamt ca. 10 Positionen kann für einen Anfänger als Lehrgeld bezeichnet werden. Professionelle Anleger setzen Stopps im Bereich von max. 2% (sogar bis unter 0,1%) pro Position je nach Finanzinstrument, das sie handeln. Marktteilnehmer sollten wissen, dass Börsenhandel mehr Kunst ist denn berechenbare Wissenschaft. Das Studium guter Börsenliteratur ist ebenso ein Muss wie das sorgfältige Kennenlernen und Beobachten der Chartmuster bzw. Kursverläufe.

Trends können über lange Zeiträume stabil verlaufen, aber es sind oft innerhalb dieses Trendkanals kurzfristige, durchaus auch gegenläufige Trends vorhanden. Findet man bei einem stabilen, langfristigen Aufwärtstrend dann einen kurzzeitigen Abwärtstrend, der an der unteren Grenze, wie erwartet, wieder umdreht ergibt das einen potentiell gut geeigneten Einstiegszeitpunkt. Ebenso kann ein Marktteilnehmer die Annäherung an die obere Trendkanalgrenze als möglichen Ausstiegszeitpunkt deuten.

Bei Trendlinien und Trendkanälen ist allerdings zu beachten, dass sie verlässlich mehr oder weniger erst im Nachhinein gezeichnet werden können. Trendlinien für aktuelle Trends sind häufig neu zu zeichnen, da es möglich ist, dass eine Bewegung falsch eingeschätzt wird. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wieviele Hochs bzw. Tiefs benötigt werden, um eine möglichst nutzbare Trendlinie zu zeichnen.

Es existiert auch die Vorgehensweise der internen Trendlinien, bei denen nicht die höchsten Hochs oder die tiefsten Tiefs miteinander verbunden werden sollen, sondern möglichst viele Punkte, bei denen extreme Kursspitzen nicht berücksichtigt werden.

Gleitende Durchschnitte
Ein gleitender Durchschnitt gehört zu der Klasse der Trendfolge-Indikatoren. Er besteht aus dem Durchschnitt einer Anzahl von Kurs-Werten. Hierbei werden beispielsweise die Tagesschlusskurse der letzten 20, 50, 100 oder 200 Tage verwendet. Hierdurch wird erreicht, dass unumgängliches „Rauschen” in den Kursbewegungen ausgefiltert wird und mittel- bis langfristige Trends sichtbar werden. Als Ein- bzw. Ausstiegssignal eignen sich gleitende Durchschnitte allein im Allgemeinen nur in deutlichen Aufwärts- und Abwärtstrends. In Seitwärtsphasen erzeugen sie viele Fehlsignale, weshalb ihre Eignung als Signalgeber zum Handeln umstritten ist. In Kombination mit anderen Trendfolge-Indikatoren, Oszillatoren, Trendkanälen und Trendlinien ermöglichen sie dem erfahrenen Marktteilnehmer jedoch bessere Trading-Entscheidungen.